Meine sehr Lieben !
Kurz bevor wir das Schiff verlassen will ich Euch ein paar Zeilen noch schreiben, denn
ich befürchte, dass wir in New York vorerst nicht dazu kommen. ...
Wir fuhren am 26. März mit einem Sonderzug von Stockholm nach Goeteborg. Dort fuhr
unser Zug direkt zum Hafen, und wir gingen sogleich zum Schiff. ... Wir fuhren abends
um 6 Uhr ab, und da Gertrud leider nicht wohl war, gingen wir gleich auf unsere
Kabine, und Gertrud legte sich mit hohem Fieber und Angina zu Bett. Aber G.s.D.
schon nach 2 Tagen war sie wieder mobil. ...
Am 29. abends neun Uhr liefen wir im Hafen von Liverpool ein. Bemerken möchte ich
noch, dass wir vorher, es war doch Freitag Abend, einen schönen G'ttesdienst hatten.
Viele Frauen entzündeten Kerzen, man machte Kiddusch, und so wussten wir doch,
dass es Schabbes war. Am Schabbes Morgen ... wir fuhren um 10 Uhr von Liverpool
ab, allerdings nur vom Hafen, dann lagen wir noch einige Stunden vor Anker. Bis zum
Sonntag Abend war die Schiffahrt für uns ein Vergnügen, dann lernten wir die Tücken
des Ozeans kennen und ganz besonders wir alle vier in reichem Maße. Wir lagen von
Sonntag Abend bis zum Mittwoch Nachmittag fast leblos auf unseren Betten. Essen
konnten wir gar nichts, und fühlten wir uns am wohlsten, wenn wir ganz ruhig liegen
konnten. Ein sehr netter Herr aus Goeteborg, der sich besonders um die Flüchtlinge
kümmerte, von denen sehr viele an Bord sind und leider alle schlechte Kabinen-verhältnisse haben, kam oft zu uns, um uns ein bisschen Mut zuzusprechen, denn
unsere Nerven hatten uns wirklich verlassen. Da konnte man richtig erkennen, wie
wenig widerstandsfähig wir sind. Gertrudchen frug mich öfters: "Mama, mussten wir
denn aus Schweden, um so eine furchtbare Fahrt zu machen?" Also am Mittwoch
schien es sich zu bessern, und wir rafften uns auf und gingen auf Deck, wenn auch
wackelig, aber die frische Luft tat uns sehr gut. Nun glaubten wir, dass wir über den
schwersten Berg hinweg seien. Aber in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag
begann ein orkanartiger Sturm und schien das Schiff wie ein Spielball auf dem Meer hin
und her getrieben zu werden. Joseph, der sich morgens vom Waschraum aus in einen
luftigen Raum hin gekrabbelt hatte, lag oben und ich mit den Kindern in der Kabine. Ich
sagte Alfred: "Setze Deine Mütze auf und sage Sch'ma Jisroel, sonst können wir nichts
tun."
Der Sturm hielt an bis fast zum Hafen von Halifax, den wir gestern am 6. erreichten und
schon am Abend nach einem 5-stündigen Aufenthalt wieder verließen. ... Wie uns gesagt
wird, kommen wir nun morgen, den 8. 4. in New York an und könnt Ihr Euch denken, wie
froh wir sind, die Reise nun G.s.D. soweit hinter uns zu haben ....
Prior to their arrival Lilly Strauss wrote a detailed letter to the relatives telling their
experiences during the voyage. Here an abridged version!