Etwa die Woche darauf, kurz bevor sie fort mussten, haben sie sich noch einmal mit meinen Eltern getroffen: Am Fuldaer Berg wohnte meine Großtante in einem kleinen Häuschen. Wir haben eine genaue Zeit ausgemacht, und da sind sie, während die SA-Männer vorne vor der Tür standen, durch den geheimen Durchgang bei  Lohrengels raus  in die Gartenstraße, dann durch so ein Gässchen rauf zu meiner Tante. Dort haben meine Eltern auf sie gewartet. Das war kurz bevor die Straussens deportiert wurden.
Wir hatten die ganzen Jahre nach unserem Wegzug noch Kontakt. 1933 sind wir an einem Freitag umgezogen, am Sonntag waren die Straussens schon bei uns in Fulda. Es war eine enge Freundschaft gewesen. Die Frau Strauss, die nun wirklich nicht der Klischee-Vorstellung von einer Jüdin entsprach, kam gelegentlich zu uns nach Fulda. Nur ganz zum Schluss, da ging das nicht mehr. 
Als wir, bevor die Straussens "abgeholt" wurden, noch mal bei ihnen gewesen waren, da hat mir die Frau Wertheim eine wunderbare, wertvolle Decke geschenkt, ein Kunstwerk. Die Decke wurde bei uns nur an Feiertagen aufgelegt. Die alte Frau Wertheim, die Großmutter vom Alfred, hatte sie mit der Hand gestrickt aus weißem, dünnem Garn, wie so Plissee. Leider ist uns die Decke mal gestohlen worden. 
Was mit dem Hausrat passiert ist, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass die Sachen, die sie uns damals zum Aufbewahren gegeben haben, nach dem Krieg nach Amerika gekommen sind.  Das runde durchbrochene Gefäß hier ist von Straussens,  das bekam ich zum Abschied. 
Ich habe damals, als die Straussens weg mussten, gesagt: “Ich glaube an  keinen  Gott mehr, wenn die Leute nicht wieder kommen.!” Denn wir wussten - nicht in dem Maß - aber wir wussten, was passiert. Ja, es war ganz furchtbar damals!