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Projekt Nathan Höflich
 Jüdische Gemeinde in Rengshausen

Aus den Jüdischen Synagogenbüchern, von denen die Geburtsregister von 1829-1892, die Trauregister von 1837-1886 und die Sterberegister von 1829-1893 als Kopien im Hessischen Hauptstaatsarchiv erhalten geblieben sind,  können wir ersehen, dass Nathan HÖFLICH von 1867-1870 in Rengshausen das Amt des Gemeindeältesten der jüdischen Gemeinde ausgeübt hat:

1829 bis 1837  Salomon Levi Kaufmann
1837 bis 1840  Haune Levi Kaufmann
1842 bis 1866  Wolf Levi Kaufmann
1867 bis 1870  Nathan Höflich
1870 bis 1876  Moses Levi Kaufmann

1823 waren die einzelnen jüdischen Gemeinden neu organisiert worden. Die Judenschaft eines Ortes oder mehrerer Orte bildete eine jüdische Gemeinde als eine rein religiöse Gemeinschaft, der ein Gemeindeältester vorstand. Gemeindeälteste wurden nicht gewählt, sondern nach Rücksprache mit der Gemeinde und mit den Kreisbehörden bestimmt. Es handelte sich um ein Ehrenamt von unbestimmter Dauer. Der Gemeindeälteste hatte die Aufgabe,
- die Personenstandsregister zu führen,
- die Finanzen zu verwalten,
- für die ordnungsgemäße Durchführung aller kultischen Handlungen (Gottesdienste, Bestattungen) zu sorgen.
Die Namen der Gemeindeältesten sind ein Beweis dafür, dass den jüdischen Bewohnern in Rengshausen der Status einer jüdischen Gemeinde bis 1876 zuerkannt war. Allerdings wurden aufgrund der geringen Mitgliederzahl immer wieder Versuche unternommen, den Gemeindestatus abzuerkennen. Rengshausen bildete mit dem Nachbarort Nenterode eine Gemeinde, und trotzdem betrug 1853 die Zahl der jüdischen Einwohner in beiden Orten bei 9 Familien nur 29 Seelen, darunter 5 Steuerzahler. Die Mindestzahl von 10 Männern dürfte nicht erreicht worden sein.
1852 wurden in Rengshausen und Nenterode zusammen 24 jüdische Einwohner gezählt, darunter 10 Männer. Die Mindestzahl war erreicht. Trotzdem wurde Rengshausen mit Nenterode im Synagogenverzeichnis von 1853 (wie auch 1839) einfach zur Synagogengemeinde Baumbach zugeschlagen.
Die Entfernung dorthin betrug über Straßen 14 km, über Feldwege auch noch 10 km, so dass die Rengshäuser sicherlich nicht am religiösen Leben in Baumbach teilgenommen haben.

Nathan Höflich war von 1867 bis 1870 Gemeindeältester, wenn er auch Schriftliches wegen seiner mangelnden Schreibfähigkeit vom hiesigen christlichen Lehrer erledigen ließ. Als er 1870 dieses Amt abgab, bestand die jüdische Gemeinde nur noch aus 6 männlichen Mitgliedern.

Im Jahre 1870 versucht der Kreisvorsteher dem Schwund der Gemeinde durch die Einbindung in die Synagogengemeinde Baumbach zu begegnen, aber Moses KAUFMANN lässt sich noch überreden, das Amt des Gemeindeältesten einige Jahre auszuüben, und der Kreisvorsteher schiebt die notwendige Auflösung der Gemeinde vor sich her. Erstaunlicherweise ordnet Paul Arnsberg in seinem Buch "Die jüdischen Gemeinden in Hessen" Rengshausen zur Synagogengemeinde Beiseförth zu. Vielleicht deshalb, weil es vorstellbar ist, dass die Juden gelegentlich in der 11 km entfernten Synagoge in Beiseförth am Gottesdienst teilgenommen haben, zumal sie dort auch Verwandte hatten.

Das endgültige Aus für die jüdische Gemeinde in Rengshausen kommt im Jahre 1877. Nachdem der letzte Gemeindeälteste Moses KAUFMANN von Rengshausen weggezogen ist und "von Israeliten in Rengshausen [und Nenterode] nur noch der Schneidermeister HÖFLICH wohnt", wird Rengshausen der Synagogengemeinde Rotenburg zugeteilt. Gegen eine Zuordnung nach Baumbach hatten sich die Juden ja jahrelang vehement gewehrt. Ein großer Teil der Juden war ohnehin jahrelang nach Rotenburg orientiert, und manche hatten dort auch ihren Wohnsitz genommen.


Leider ist nicht überliefert, ob in Rengshausen jüdische Gottesdienste in den Wohnräumen von Nathan HÖFLICH oder der Familie KAUFMANN abgehalten worden sind. Die kurfürstliche Regierung vermerkte 1841 in einem Protokoll: "Es ist zu berichten, ob die Israeliten zu Rengshausen und Nenterode eine separate Synagogen-Gemeinde bilden oder sich etwa zu einer anderen Synagogen-Gemeinde halten." Im evangelischen Pfarrarchiv in Rengshausen liegt eine jüdische Bibel, die vermutlich früher der Familie HÖFLICH gehört hat und für religiöse Andachten benutzt worden ist
Der Schwund der jüdischen Gemeinde in Rengshausen hängt mit den politischen und wirtschaftlichen Veränderungen im 19. Jahrhundert zusammen. Seitdem alle Beschränkungen für Juden aufgehoben worden waren, konnten sie nun ihren Wohnort und Beruf frei wählen. Wo ohnehin viele Einwohner wegen der besseren Verdienstchancen vom Land in die Städte strömten, taten das die Juden auch. Seit dieser Zeit verringerte sich die Zahl der jüdischen Familien in den Dörfern. Die einsetzende Industrialisierung förderte die Binnenwanderung von den strukturschwachen Landgemeinden und Kleinstädten in industrielle Ballungsgebiete. Die Angehörigen der Familie LEVI gingen nach Rotenburg. Nathans Bruder Heinemann wanderte nach Wuppertal aus. In Nenterode lebte 1905 überhaupt kein Jude mehr, in Rengshausen nur noch 1 Familie, die aus 3 Personen bestand.
Buchrücken und aufgeschlagene Seiten einer in Rengshausen erhalten gebliebenen hebräischen Bibel