Das Elend war groß, man musste sich durchschlagen
Tages der Mitbewohner aus Berlin weg-geschleppt wurde, sterbenskrank und
völlig heruntergekommen. Ballen von Läusen hab ich mit eigenen Augen an ihm gesehen. Am nächsten Tag war er tot. Er war ein ganz gebildeter Mensch gewesen. Typhus, Malaria usw. waren üblich und an der Tagesordnung.
Später wurde dann auch eine jüdische Gemeinde gegründet. Es gab eine sehr schöne alte Synagoge in der Stadt, die früher von einem reichen sephardischen Juden gestiftet worden war. Das Elend war aber so groß, dass es den dort an-sässigen Juden über den Kopf wuchs. Die konnten ja nicht auf einmal 20000 Menschen versorgen, völlig unmöglich. Zum Glück flossen dann Gelder einer amerikanisch-jüdischen Hilfsorganisa-tion, der HIAS, über die Schweiz nach
Shanghai, sogar während des Krieges.
Sonst wären die Menschen weggestor-ben wie die Fliegen. Mit diesem Geld wurden auch die Flüchtlingsheime einge-gerichtet. Mein Bruder Theo und ich lebten, außer in den allerersten Tagen, nicht in so einem Heim. Wir fanden eine Unterkunft für uns beide zusammen in dem "International Settlement", was un-ter den gegebenen Umständen noch ganz anständig war, denn die meisten lebten ja in furchtbaren Zuständen. In 1940 etwa kam Theos Frau zu uns nach Shanghai. Es ging zunächst alles einiger-maßen gut, wir konnten mit dem kleinen Textil- und Schneidereigeschäft existie-ren. Aber bald entstanden durch den Krieg in Europa enorme Knappheiten. Die Engländer waren abgeschnitten und die Japaner beherrschten ohnehin alles.
 
  
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