Einige Bemerkungen zur offenen Stadt Shanghai:
Shanghai, das sich im Lauf der Jahrhunderte aus einem Fischerdorf zu einer Handelsmetro-pole entwickelt hatte, war in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts eine Stadt
extremer Kontraste. Das "Paris des Ostens" war auch bekannt für eine hohe Zahl an Krimi-nellen, Prostituierten und Bettlern. Die Stadt war damals ein internationales Territorium, ein
Freihafen, den China dem Westen als Freihandelszone überlassen musste, nachdem die
Opiumkriege des 19. Jahrhunderts verlorengegangen waren. Das Warenangebot aus dem
Westen ruinierte die schwache nationale Wirtschaft, und bald gehörten zahlreiche Textil- und
Tabakfabriken in Shanghai den reichen Ausländern. Für sie wurde Shanghai eine Goldgrube,
aus der sie viel Kapital zogen, natürlich auch investierten, neue Fabriken bauten, Arbeits-plätze und Wohnungen schufen. Aber die Ausländer waren die Herren der Stadt, führten ein
feudales, oft auch dekadentes und ausschweifendes Leben und beuteten die billigen chine-sischen Arbeiter skrupellos aus. An Parks ließen sie Schilder anbringen mit der Aufschrift:
Zutritt für Chinesen und Hunde verboten! In den Stadtgebieten der Französischen Konzes-sion und der Internationalen Niederlassung lebten unter der chinesischen Bevölkerung vor
den großen Flüchtlingsströmen aus Europa etwa 50.000 Ausländer, die dort nach den Ge-setzen ihres eigenen Landes leben und ohne Papiere ein- und ausreisen konnten.
Ende der 30er Jahre ging das koloniale Leben in Shanghai seinem Ende zu. Auf ihrem Erobe-rungsfeldzug durch China stießen die Japaner 1937 nach Shanghai vor und bombardierten
und besetzten einen Teil der Internationalen Niederlassung, den Stadtteil Hongkew. Ein Groß-teil der chinesischen Bewohner floh in die internationalen Konzessionsgebiete.
Als sich die europäischen Juden vor der Verfolgung durch die Nazis in Sicherheit bringen
wollten, fanden sie nicht überall Aufnahme. Der einzige Hafen, der sie ohne Visum willkom-men hieß, war Shanghai, das ab 1938 für etwa 20000 Juden aus Europa zum Rettungsanker
wurde. Anfangs lebten viele Flüchtlinge unter sehr primitiven Bedingungen in Flüchtlings-lagern, doch bald konnten sie ihre eigene Gemeinde gründen, indem sie sich in dem teils
verlassenen und zerschossenen Hongkew inmitten der verarmten chinesischen Restbevöl-kerung niederließen. Vor den Augen der japanischen Besatzungsmacht bauten die einfalls-
reichen Ausgestoßenen nicht nur die Häuser wieder auf, richteten Geschäfte und Cafes ein,
sondern kreierten ein vielfältiges kulturelles Leben. Die niedrigen Lebenshaltungskosten
ermöglichten vielen so eine menschenwürdige Existenz. In der Hauptstraße von Hongkew
sah man auf den meisten Laden-Schildern deutsche Namen. Kein Wunder, dass dieser
Stadtteil bald als “Klein Wien” bekannt wurde.
Nachdem sich im Dezember 1941 mit den Bomben auf Pearl Harbor der Krieg in Europa auf
den pazifischen Raum ausdehnte, begannen die Nazis, hinsichtlich der Behandlung der
Juden größeren Druck auf die Japaner auszuüben. Das hatte zur Folge, dass die jüdischen
Flüchtlinge Anfang 1943 in einen abgegrenzten Teil von Hongkew, praktisch in ein Ghetto,
gedrängt wurden, wo sie den Repressalien der japanischen Ordnungshüter hilflos ausge-setzt waren. Die Lebensumstände verschlechterten sich dramatisch, zumal auch die bisher
geflossene finanzielle Unterstützung internationaler Hilfsorganisationen die Bedürftigen
kaum noch erreichte. Trotz all dieser jämmerlichen Zustände konnten die kulturellen
Aktivitäten teilweise weitergeführt werden, und die Mehrheit erlebte im September 1945 das
Ende des Krieges. Als im Jahr 1949 in Shanghai die Kommunisten einmarschierten, war die
jüdische Flüchtlingsgemeinde zu einem großen Teil bereits in alle Winde verstreut.
Quelle u.a. Internet "Zuflucht in Shanghai"
"Zur Geschichte"
www.filmcasino.at/shanghai/ - 12k - 9. Juni 2004